Sex im Alter: One day baby, we'll be old

Sex im Alter: One day baby, we'll be old

Wir alle haben sicherlich schon einmal darüber nachgedacht, wie es ist “alt” zu sein. Man hat unter Umständen romantische Vorstellungen davon, wie man mit Strickjacke und Lammfellpuschen in einem verschlissenen Ohrenbackensessel sitzt und den Enkelkindern ein Buch vorliest oder aber auch Horrorszenarien von Krankheit, Gebrechen, Einsamkeit und Altersarmut. Ich persönlich freue mich schon darauf ungefiltert und unverschämt rumpöbeln zu dürfen, ohne dass sich die Leute trauen etwas zu sagen. Aber sicherlich denken die wenigsten über ihr Sexleben im Alter nach, sowas tun ältere Leute doch nicht mehr, oder? Was eventuell als Selbstschutz in der Kindheit beginnt - man will sich ja nicht zu intensiv damit beschäftigen, wie man selbst entstanden ist - weitet sich schnell zu einem Tabuthema aus. Unterstützt wird das von unserer Gesellschaft, in der Sex den Jungen und Schönen vorbehalten ist und auch kaum etwas anderes sichtbar ist. Aber ist es wirklich so, dass unser Sexualleben ein Verfallsdatum hat? Und wenn ja, wie viel Zeit bleibt uns noch?


Ab wann gelte ich als alt?

Sicherlich eine Frage, die sich jede*r ab und zu stellt und nein, es ist (hoffentlich) nicht der Zeitpunkt, an dem man den Überblick über alle Social-Media-Plattformen verloren hat. Die Altersgrenze ist tatsächlich fließend: als Teenager fallen schon alle jenseits der 30 in diese Kategorie. Doch mit fortschreitendem Alter verschiebt sich diese Grenze nach hinten, man selbst fühlt sich ja noch jung, so dass sie beliebig weit nach hinten gerückt werden kann.

Bemühen wir aber “offizielle” administrative Quellen (auf die Verwaltung ist immer Verlass), dann fängt “Alter” ab 60-65 Jahren an. Für alle in dieser Alterskategorie gibt es aber einen Silberstreif am Horizont, denn von 65 bis 74 Jahren gehört man laut medizinischen Studien zu den youngest-old, den “jüngsten Alten”, von 75-84 zu den middle-old, den “Mittelalten” und erst mit über 85 Jahren gehört man zu den oldest old, den “ältesten der Alten”, was sich jetzt zugegebenermaßen nicht so attraktiv anhört, sorry. Die Gerontologie hingegen macht ihre Altersphasen von sozialen Faktoren, wie Renteneintritt und Pflegebedürftigkeit vs. autonomes Leben abhängig. Beides ist sicherlich für die Sexualität im Alter wichtig: das chronologische Alter und das biologische Alter.

Fakten zu Sex im Alter

Also meine Lieben, Sex im Alter findet statt. Tatsächlich zeigen Studien, dass Sex auch noch für fast zwei Drittel der 75-85 jährigen noch eine wichtige Rolle spielt. Allerdings stimmt es auch, dass das Interesse an Sex im Alter abzunehmen scheint. So zeigt eine schwedische Studie, dass bei den befragten Männern* mit 50-59 Jahren noch 98% angaben, dass Sex wichtig sei, während von den 70-80 jährigen, das “nur” noch 72 % bestätigten. Ein Wermutstropfen für alle, die von einem langen Leben träumen: eine italienische Studie fand bei den 38 über 100 jährigen, die befragt wurden, dass ihr Interesse an Sex völlig versiegt war. Zudem zeigt sich bei Frauen* ein geringeres Interesse an Sex über die gesamten Altersgruppen hinweg. Was ist da los? Wie kommt es dazu?

Was verleidet einem Sex im Alter?

Das “Alter” ist heterogen. Das bedeutet ganz einfach, dass die Unterschiede zwischen einzelnen Personen größer sind, als z.B. in anderen Altersgruppen. Tatsächlich ist es so, dass diese Unterschiedlichkeit das letzte Mal im Kindesalter ähnlich groß ist. Das bedeutet, dass Altern sehr individuell ist und die Bedürfnisse und Merkmale in einer Alterskategorie sehr unterschiedlich sein können. Wir haben die sogenannten “Best-Ager”, das sind die flippigen Senior*innen, die dich lächelnd zu Fuß beim bergauf radeln überholen und den Kurs im Fitnessstudio ohne hochroten Kopf und schmerzverzerrtem Gesicht absolvieren, während du dich am liebsten japsend unter ein Sauerstoffzelt legen möchtest. Ein anderer Name ist “Silver Surfers”, nicht zu verwechseln mit dem Silver Surfer aus Fantastic Four. 

Gesundheit im Alter

Es gibt aber auch die anderen, deren Gesundheitszustand durch akute oder chronische Erkrankungen verschlechtert wird. Immerhin ist der Fantasie leider keine Grenzen gesetzt, wenn es darum geht, welche Erkrankungen häufiger im Alter auftreten. Dazu gehören Krebserkrankungen, Herz- Kreislauf, neurologische Erkrankungen, Gelenkerkrankungen und, und, und… Kleinere und größere Zipperlein treten auf und man merkt einfach, dass der Körper eben nicht mehr so macht, wie man es jahrelang gewohnt war, zumindest für die meisten.

Diese Erkrankungen können einen Einfluss auf das Sexleben haben. Zunächst einmal durch die Symptome selbst, aber eben nicht nur. Denn wir machen uns selbstverständlich auch mehr Sorgen, die die Lust stark vermindern können, weil sie ganz und gar unsere Gedanken ausfüllen. Wir bekommen Medikamente, die Lust und Lustempfinden dämpfen können. Dazu gehören Medikamente gegen hohen Blutdruck oder Diabetes. Und schließlich hinterlassen auch Operationen und Behandlungen Narben und Folgeerscheinungen, die unser Sexleben negativ beeinflussen können. 

Hormonumstellungen

Die Wechseljahre - oder das Klimakterium (was ja auch nicht wie etwas klingt, was man unbedingt haben möchte) - läuten für Frauen* oft die sogenannte „dritte Lebensphase“ ein. Sie beginnen mit der Menopause, was ein verwirrender und oft falsch verstandener Begriff ist, denn tatsächlich handelt es sich dabei um die letzte Regelblutung einer Frau*. Ich finde es ja etwas irreführend, da das Wort “Pause” zunächst ja mal nur eine Unterbrechung suggeriert und nicht ein Ende und es außerdem so klingt, als ob Frauen* sich endlich erholen könnten, was auch nicht der Fall ist. Meine Theorie ist ja, dass wir diesen Begriff einem Mann* zu verdanken haben, ähnlich wie die “Babypause”, die nichts mit Entspannung oder Ausruhen zu tun hat. 

Wie dem auch sei, die Wechseljahre sind für einen Großteil der Frauen* mit mehr oder weniger schwerwiegenden Symptomen, wie Hitzewallungen, Schlafstörungen, Hautprobleme, Stimmungsschwankungen verbunden, obwohl ich Hoffnung machen möchte, denn 30% der Frauen* sind tatsächlich symptomfrei. Wie vieles, was den weiblichen Körper betrifft, ist es nicht ganz klar, woher die Symptome kommen, aber zumindest ist klar, dass der Östrogenspiegel der Frauen* sinkt. Das beeinflusst auch den Sex, denn es kann zu Libidoverlust kommen und Scheidentrockenheit kann penetrativen Sex schmerzhaft machen, aber hier können zumindest z.B. Hormoncremes helfen.

Sehr spannend ist aber, dass die Wechseljahre und die Empfindung der Symptome von sozialen Faktoren abzuhängen scheint. So zeigten Studien, dass berufstätige und besser ausgebildete Frauen*, also mit  höherem sozialen Status, weniger starke Symptome haben. Genauso haben lesbische Frauen* weniger Symptome als heterosexuelle Frauen*. Ebenso beeinflussen kulturelle Faktoren die Wechseljahre: japanische Frauen*, deren Ansehen mit dem Alter steigt, nehmen die Wechseljahre ganz anders und oft positiver wahr, als Frauen* im Westen, deren gesellschaftlicher Status im Alter eher abnimmt. Hier dies alles noch ausführlicher

Vielleicht sind sie also doch etwas, worauf wir uns freuen können, wie die Gynäkologin Sheila de Liz in ihrem Buch “Woman on fire” suggeriert. Denn eigentlich hört sich ein Ende der Periode, mit Krämpfen, Blutungen, Tampons in jeder Tasche, Geld für Periodenunterwäsche und -tassen etc doch erst einmal ganz gut an. Somit könnte das Ende der fruchtbaren Phase auch das Ende der furchtbaren Tage (Wortspielzwinkersmiley) bedeuten. 

Wenn auch nicht so heftig, wie bei Frauen*, wollen wir die Hormonumstellung bei Männern* nicht außer acht lassen. Denn auch bei ihnen sinkt der ein Hormonspiegel, nämlich der des Testosterons, was zu Libidoverlust, Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen führen kann.

Veränderungen beim Sex im Alter

Sexualität im Alter verändert sich, Lust und Leistungsfähigkeit nehmen ab. Ähnlich wie bei einer Schwangerschaft, muss man sich erst einmal an die Veränderungen, die im eigenen Körper vorgehen gewöhnen und vor allem sein Sexleben daran anpassen. Dies scheint Paaren auch langfristig zu gelingen: so zeigt eine Studie der Universität Rostock, dass die sexuelle Zufriedenheit bei verheirateten Paaren stabil blieb, obwohl die sexuelle Aktivität über die Jahre aufgrund von physischer und hormoneller Veränderungen abnahm. Wichtiger zu erwähnen ist aber, dass diese Stabilität der Zufriedenheit wohl deshalb gelang, weil Zärtlichkeit, also Streicheln, Schmusen, Kuscheln, an Bedeutung gewann. Was für ein wunderbares Ergebnis.

Sex im Alter findet also nicht nur statt, sondern wir können uns auch darauf freuen, zumindest all die Glücklichen, die ihn erleben dürfen. Denn mehr Zärtlichkeit würden viele von uns sich doch auch jetzt schon wünschen. Es ist das menschliche Bedürfnis liebkost zu werden, einem anderen Menschen nahe zu sein und es verspricht Geborgenheit. Es macht uns auch bewusst, dass wir Sex oft nur sehr eindimensional denken und nicht all das wunderbare einschließen, was er bedeuten kann.

So unaufhaltsam wir selbst altern, so altert auch unsere Gesellschaft. Immerhin ist die Zahl der Menschen im Alter ab 67 Jahren von 1990 bis 2018 um 54% gestiegen, Tendenz weiter steigend. Sex im Alter muss also aus enttabuisiert werden, nicht zuletzt, weil es auch mit Risiken verbunden ist, wie der Anstieg von sexuell übertragbaren Infektionen bei Älteren z.B. auch in Heimen zeigt. Tun wir also nicht länger so, als ob es im Alter keinen Sex mehr geben würde, sondern lernen wir von seiner Vielfalt.

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