Unterschiedliche viel Lust in einer Partnerschaft

Unterschiedliche viel Lust in einer Partnerschaft

Warum haben mein Partner oder meine Partnerin und ich unterschiedlich viel Lust? Und was haben unsere Lust-Zugänge damit zu tun? Sexpädagogin Anna Dillinger erklärt es.

Warum hat man unterschiedlich Lust und was für Lust-Zugänge gibt es?

Wir können uns wohl alle schnell darauf einigen, dass die Eigenschaften, Erfahrungen und Persönlichkeitsmerkmale jedes Menschen ganz unterschiedlich und individuell sind – zum Glück, kann man ergänzen, alles andere wäre höchstwahrscheinlich ziemlich langweilig.

Wie kommt es aber dann, dass in vielen Köpfen beim Thema „Lust auf Sex“ eine Idealvorstellung besteht, nach der beide Sex- oder Beziehungs Partner*innen im besten Fall gleich viel, gleich oft und gleich starke Lust darauf haben, Sex miteinander zu haben?

Pärchen

Dieses Narrativ passt gut zu einer Reihe weitere unrealistischer Vorstellungen über Sex: Dass der immer „einfach so“ funktioniert, dass die Lust dafür „aus dem Nichts“ kommt und dass in der Sexualität nichts veränderbar ist. In dieser imaginierten Sex-Welt läuft also alles immer rund, Bedürfnisse scheinen identisch zu sein – und wenn es mal nicht klappt, tja, dann gibt es leider auch keine Erklärung dafür, sondern am Ende nur das Gefühl, unzulänglich zu sein.

Stopp und Quatsch! Was ich hier schon einigermaßen überspitzt formuliert habe, können die Meisten wahrscheinlich aus eigener Erfahrung widerlegen: In einer Beziehung ist das sexuelle Begehren nie ganz gleich – es gibt immer eine Person, die mehr davon zeigt, während die andere im Vergleich dazu insgesamt „weniger“ Lust zu haben scheint. Interessant dabei: Das Verhältnis muss nicht immer gleichbleiben und kann sich je nach Lebens- und Lustphase auch umdrehen. Und was jetzt „viel“ oder „wenig“ bedeutet ist auch niemals fix: In der einen Beziehung ist die Person mit dem wöchentlichen Verlangen nach Sex vielleicht die „Viel-Wollende“ – in einer anderen Beziehung mit einem anderen Gegenüber kann Sie auch die „Weniger-Wollende“ Person sein.

Der Therapeut David Schnarch geht sogar noch einen Schritt weiter und stößt uns auf folgenden Gedanken: Die Person mit dem weniger starken sexuellen Begehren hat ganz schön Macht über die gelebte Sexualität. Denn sie „entscheidet“ letztendlich oft, ob es jetzt zum Sex kommt – oder eben nicht.

Ist das jetzt etwas Schlechtes? Nein! Es ist einfach die Realität, dass zwei Menschen in einer Beziehung nicht immer das gleiche wollen, unterschiedlich ticken und verschiedene Bedürfnisse haben. Das fängt im Alltag an und geht bei allen Bereichen der Beziehungsgestaltung weiter: Auch bei der Sexualität.

Spannend ist es, mal einen Blick darauf zu werfen, wie diese „unterschiedliche Lust“ eigentlich entsteht. Lust als Teil der Sexualität ist etwas, dass wir erlernt haben: Schon ab der Geburt verknüpfen wir Sinnes- und Spürerfahrungen mit bestimmten Gefühlen. (Selbst)Berührungen gehören dazu, und wenn sich etwas angenehm, kribbelig und lustvoll anfühlt wird es im Regelfall und wenn man die Möglichkeit dazu hat auch wiederholt.

Lust

Schon Kinder berühren sich am ganzen Körper inklusive der eigenen Geschlechtsteile und so entwickeln sich ganz individuelle „Spür-Connections“ und Lust Verknüpfungen. Später in der Selbstbefriedigung kann das für die eine bedeuten, dass es sich lustvoll anfühlt, die Vulva an etwas zu reiben und dabei das Becken zu bewegen – für die andere braucht es einen gewissen Druck mit den Fingern und Anspannung im Unterkörper, um Erregung zu spüren. Diese verschiedenen – und es gibt noch viel mehr Arten sich selbst zu befriedigen! – Lust-Modi resultieren also aus einem ganz eigenen, individuellen Lern- und Aneigungsprozess. Und in diesem bildet sich auch heraus, was für Lust-Zugänge eine Person bisher kennengelernt und für sich etabliert hat.

Lust-Zugänge können ganz unterschiedlich funktionieren. Und jeder dieser „Sprungbretter zur Lust“ ist berechtigt – es kann aber durchaus mal spannend sein zu überlegen: Was nutze ich, um in die Lust zu kommen? Brauche ich etwas Bestimmtes dafür und wie einfach oder schwer ist es für mich, genau das bei Bedarf herzuholen und ein Stück weit bewusst zu steuern?

Es gibt da nämlich ganz unterschiedliche Sprungbretter – und manche sind deutlich flexibler als andere. Ein Klassiker, den ich oft in meiner Praxis höre, ist: Ich muss in einer bestimmte „Stimmung“ sein, in dem ich mich meinem/meiner Partner*in ganz nahe fühle! Es gibt aber genauso das Gegenteil: „Für mich muss es ganz aufregend sein, wenn wir erwischt werden könnten oder z.B. nach einem Streit oder emotionalen Gespräch kommt bei mir am meisten Lust“.

Dass starke Emotionen – sie es nun Liebe oder Aufregung – viel mit uns und unserem Körper machen, ist unbestritten. Diese Art von „Deep-Feeling-Sex“ kann wunderbar, toll, verbindend oder befreiend und intensiv sein – also genießt es!

Ist diese Art des Lust-Zugangs aber die Einzige, ein „Must-have“ quasi – dann kann es auch mal schwierig werden. Denn in einer Beziehung ist nicht immer alles rosa-rot, das Gefühl von tiefer Nähe ist nicht rund um die Uhr da, genauso wenig wie Streit und Aufregung (auch wenn es bei diesem Punkt sicher einige Ausnahmen gibt – da muss jede*r für sich entscheiden, wie viel davon gesund und aushaltbar ist). Das bedeutet für die Lust: Ich muss also auf ganz bestimmte Gefühle warten oder sie versuchen herzustellen, damit Sex möglich ist. Das macht mich abhängig von Ihnen – und ich habe weniger Einfluss auf die Lust.

Kuss

Es gibt aber auch einen direkteren Weg zu Lust. Manchmal vergessen wir nämlich, wo und womit wir unsere Lust und Erregung neben dem Kopf eigentlich erzeugen: Mit dem Körper! Großer Vorteil hier: Unseren Körper haben wir immer dabei und mit unserem Körper können wir so einiges machen und lernen, was uns in die Lust bringt. Und wenn wir größeren Zugriff auf unsere „Körper-Tools“ haben, also wissen, wie wir selbst Einfluss ausüben können – dann können wir auch unsere Lust ein Stück weit bewusster steuern. Keine schlechte Erweiterung also!

Wie das ganz konkret aussehen kann und was es heißt, seine „Körper-Tools“ bewusst einzusetzen um größere Entscheidungsgewalt über die eigene Lust zu haben, das verrate ich dir jetzt.

Wenn man sagt, ich würde gerne auch ohne diese Aufladung einen Zugang zu meiner Lust finden, dann führt der Weg auch ganz direkt über das, was wir ein Leben lang bei uns haben: unseren Körper.

Lust, Tanzen, Beine

Und um den soll es hier und jetzt gehen. Denn ganz allgemein kann man sagen: Menschen, die ihren Körper gut spüren und ihn auch ein Stück weit regulieren und beeinflussen können, haben einfach noch mehr Möglichkeiten, die Lust auf Sex zu starten und zu steigern.

Was sind also diese „Körper-Tools“?

Körperspannung, Atmung, Bewegung, und Rhythmus. Klingt erst mal abstrakt und nach Komponenten, die vielleicht beim Tanzen wichtig sind. Das ist übrigens gar kein schlechter Vergleich: Stellt euch mal vor, ihr versucht durchs Zimmer zu tanzen und dabei euren ganzen Körper permanent anzuspannen. Das wird wahrscheinlich ein ziemlich steifer Tanz, alles fühlt sich gepresst an, die Atmung wird flach und so richtig gut bewegen könnt ihr euch auch nicht. Vergesst nicht, auch einen ganz angespannten, verkniffenen Gesichtsausdruck dabei zu machen. Wie fühlt sich das an und welche Gedanken kommen dabei in euren Kopf? Wenn ihr jetzt noch eine/n Tanzpartner*in hättet – könntet ihr so richtig zusammen tanzen?

Tanz, Bewegung, Frau, Lust

Und jetzt das komplette Gegenteil: Wie fühlt es sich an, komplett ohne Körperspannung zu tanzen? Alles hängt herunter, die Augen und das Gesicht auf Halbmast, starke Impulse im Rhythmus der Musik sind nicht möglich. Vielleicht kommt ihr in einen Trance-artigen Zustand – kann man so gut in Kontakt treten?

Was ich damit verdeutlichen will: Jeder Einsatz meiner Körper-Tools – in diesem Fall die Körperspannung – ist unmittelbar damit verknüpft, was ich fühle und wie ich mit meinem Gegenüber in Kontakt treten kann. Und da alle vier miteinander verbunden sind, kann ich beliebig bei einem ansetzen, um etwas in meinem Erleben und Spüren zu ändern.

Als erstes gilt es, Unterschiede überhaupt wahrnehmen zu lernen: Ja, das ist wirklich Lernsache und kann egal in welchem Alter angegangen werden.  Beobachte dich doch mal bei der Selbstbefriedigung: Wo bist du ganz locker, wo spannst du an? Und ändert sich das, z.B. wenn es Richtung Orgasmus geht? Gibt es einen Zusammenhang zwischen Anspannung und Erregung?

Im zweiten Schritt kannst du probieren, ein bisschen mit dieser An- und Entspannung zu spielen. Merkst du z.B. dass dein Körper jetzt immer steifer und unbeweglicher wird, dann löse etwas Anspannung in dem du tief und langsam in den Bauch und den ganzen Körper atmest. Oder anfängst, dein Becken zu bewegen – wenn wir in unserer Körpermitte beweglich sind, können wir dabei nicht alles anspannen. Achte auch darauf, was diese kleinen Änderungen mit deiner Lust machen. Es kann gut sein, dass das erstmal ganz ungewohnte, neue Dinge für deinen Körper sind – und er darauf nach dem Motto „Kenne ich nicht – ist nicht geil“ reagiert. Total normal. Dann gehe einfach wieder zu dem zurück, was du vorher gemacht hast und geil war. Wichtig ist:  Am besten kleine und kurze Veränderungen in den Sex mit sich selbst oder zu zweit einschleusen und so langsam und längerfristig etwas dazulernen.

Frau, Lust, Körper

Das ist nur EIN Beispiel, über welches Körper-Tool du beginnen könntest, noch mehr im direkten Austausch mit deinem Körper zu einem Lust- und Erregungsgefühl zu kommen – zusätzlich zu all den Strategien, die du vielleicht schon hast. Und wenn das „Neue“ irgendwann richtig sitzt und wie von alleine läuft, wird es dir viel einfacher fallen, mit deiner Lust zu spielen, sie kommen zu lassen und zu steigern. Letztendlich auch wie beim Tanzen: Am Anfang übt man die Schritte (ja, von alleine geht es leider nicht) und muss die ganze Zeit mitdenken, irgendwann aber hört man nur noch die Musik und bewegt sich dazu. Alleine, zu zweit, oder in einer Gruppe.

Dieser Artikel ist entstanden in Kooperation mit der Sexpädagogin Anna Dillinger, mehr Infos zu ihr gibt es auf ihrer Webseite