Kann ich dich riechen? Was die Wissenschaft über Pheromone und sexuelle Anziehung wirklich weiß
Ein Blick hinter die Fassade von Duft, Begehren und chemischer Kommunikation
Ich erinnere mich an ein Gespräch, das ich vor einiger Zeit mit einer Freundin führte. Sie hatte gerade eine neue Beziehung begonnen und beschrieb ihren Partner mit diesen Worten: „Ich kann ihn einfach gut riechen." Keine Bewertung des Aussehens, kein Kommentar über seinen Humor – das Erste, was sie erwähnte, war sein Geruch. Das hat mich nicht losgelassen. Denn je tiefer ich in die Wissenschaft der Pheromone eingetaucht bin, desto klarer wird mir: Was meine Freundin beschrieb, ist kein romantischer Zufall, sondern möglicherweise Biologie in ihrer faszinierendsten Form.
Was sind Pheromone überhaupt?
Pheromone sind chemische Botenstoffe, die ein Individuum ausscheidet und die bei Artgenossen eine spezifische Verhaltens- oder physiologische Reaktion auslösen. Der Begriff stammt aus dem Griechischen (pherein = tragen, hormon= antreiben) und wurde 1959 von den Biologen Peter Karlson und Martin Lüscher geprägt.
Im Tierreich sind Pheromone seit Jahrzehnten gut belegt. Ameisen hinterlassen chemische Pfade zur Navigation. Hunde markieren ihr Revier über Duftdrüsen. Motten locken Partner über Kilometer mit einem einzigen Molekül an. Die Frage, die Wissenschaftler seit Jahrzehnten beschäftigt, lautet: Gilt das auch für den Menschen?
Die ehrliche Antwort: Wir wissen es noch nicht mit Sicherheit – aber die Indizien häufen sich.
Das Organ, das wir haben, aber kaum benutzen
Viele Säugetiere besitzen ein spezialisiertes Sinnesorgan zur Pheromon-Detektion: das Vomeronasalorgan (VNO), auch Jacobsonsches Organ genannt. Es sitzt in der Nasenscheidewand und leitet Signale direkt an den Hypothalamus – die Schaltzentrale für Fortpflanzung und Sozialverhalten.
Beim Menschen existiert dieses Organ anatomisch tatsächlich ebenfalls, allerdings geht die Forschung heute überwiegend davon aus, dass es beim erwachsenen Menschen funktionslos und ein evolutionäres Relikt ist. Die entsprechenden Nervenbahnen zum Gehirn fehlen weitgehend. Das bedeutet jedoch nicht, dass chemische Signale beim Menschen keine Rolle spielen – es bedeutet nur, dass sie einen anderen Weg nehmen müssen. Und genauer: den regulären olfaktorischen Cortex, also unser normales Riechsystem.
Das ist eine entscheidende Unterscheidung, denn sie erklärt, warum die Pheromon-Forschung beim Menschen so komplex ist.

Die großen Studien: Was tatsächlich gemessen wurde
Der Schweißes-T-Shirt-Versuch – ein Klassiker der Evolutionsbiologie
Keine Studie zur menschlichen Partnerwahrnehmung wird häufiger zitiert als der sogenannte "Sweaty T-Shirt"-Versuch des Schweizer Biologen Claus Wedekind aus dem Jahr 1995. Das Versuchsdesign ist ebenso simpel wie elegant.
Männer trugen zwei Tage lang dasselbe T-Shirt, ohne Deo oder parfümierte Produkte zu benutzen. Frauen bekamen diese Shirts dann zu riechen und sollten beurteilen, welchen Duft sie am anziehendsten fanden. Das verblüffende Ergebnis: Frauen ohne hormonelle Verhütung bevorzugten systematisch den Geruch von Männern, deren Immunsystem-Gene – die sogenannten MHC-Gene (Major Histocompatibility Complex) – sich am stärksten von ihren eigenen unterschieden.
MHC-Gene (beim Menschen auch als HLA-Gene bekannt) steuern die Immunabwehr. Zwei Menschen mit unterschiedlichen MHC-Profilen können ihrem gemeinsamen Nachwuchs ein breiteres Immunspektrum vererben – ein biologischer Vorteil. Die Frauen in Wedekinds Studie riechen diesen Vorteil offenbar buchstäblich.
Noch aufschlussreicher war ein Nebenbefund: Frauen, die hormonelle Verhütungsmittel einnahmen, zeigten eine umgekehrte Präferenz – sie bevorzugten den Geruch von MHC-ähnlichen Männern. Hormone der Pille imitieren eine Schwangerschaft; in diesem Zustand könnte eine evolutionäre Logik dahinterstecken, sich in der Nähe genetisch ähnlicher, also verwandter Individuen zu befinden. Ein Hinweis darauf, wie tief die chemische Kommunikation in unsere Biologie eingebettet ist.
Studie: Wedekind C, Seebeck T, Bettens F, Paepke AJ. MHC-dependent mate preferences in humans. Proc Biol Sci. 1995 Jun 22;260(1359):245-9. → https://doi.org/10.1098/rspb.1995.0087
Androstadienon und Estratetraenol – die heißesten Kandidaten
Zwei Steroide stehen seit Jahren im Zentrum der Pheromon-Forschung: Androstadienon (AND) – ein Abbauprodukt des männlichen Hormons DHEA, das im Männerschweiß nachweisbar ist – und Estratetraenol (EST), das im Urin von Frauen vorkommt.
Besonders eindrücklich ist eine Studie des Karolinska-Instituts in Stockholm unter Ivanka Savic. Im PET-Scanner (Positronen-Emissions-Tomografie) konnte die Arbeitsgruppe zeigen, dass Androstadienon bei heterosexuellen Frauen und homosexuellen Männern eine verstärkte Durchblutung im vorderen Hypothalamus auslöste – eine Region, die mit sexueller Erregung assoziiert ist. Estratetraenol hingegen aktivierte dieses Hirnareal nur bei heterosexuellen Männern. Die Reaktionen folgten also nicht dem biologischen Geschlecht, sondern der sexuellen Orientierung – ein faszinierender Befund.
Andere Experimente zeigten, dass Frauen unter dem Einfluss von AND beim Speed-Dating die Attraktivität männlicher Gesprächspartner höher bewerteten. Weitere Studien fanden verbesserte Stimmung und erhöhte emotionale Aufmerksamkeit bei Frauen, die AND ausgesetzt wurden.
Allerdings ist Vorsicht geboten: Mehrere Replikationsversuche, darunter eine Doppelblindstudie australischer Forscher der University of Western Australia, konnten diese Effekte nicht bestätigen. Die Forscher kamen zu dem Schluss, dass AND und EST wahrscheinlich keine echten menschlichen Pheromone im klassischen Sinne sind – zumindest nicht im Bereich der Gesichtsattraktivitätswahrnehmung.
Studie (Karolinska): Savic I, Berglund H, Gulyas B, Roland P. Smelling of odorous sex hormone-like compounds causes sex-differentiated hypothalamic activations in humans. Neuron. 2001 Nov 8;31(4):661-8. → https://doi.org/10.1016/s0896-6273(01)00390-7
Hexadecanal – der bisher überzeugendste Fund
2021 erschien in der renommierten Fachzeitschrift Science Advances eine Studie, die in der Pheromon-Forschung für Aufsehen sorgte. Das Forschungsteam um Idan Frumin am Weizmann Institute of Science untersuchte Hexadecanal (HEX) – ein flüchtiges, geruchloses Molekül, das der menschliche Körper über Haut, Atem und Fäkalien abgibt und das in besonders hoher Konzentration auf dem Kopf von Säuglingen vorkommt.
In einem doppelblinden, kontrollierten Experiment mit 127 Probanden wurde HEX auf einem Pflaster unter der Nase appliziert. Die Teilnehmer spielten dann ein computerbasiertes Spiel, das absichtlich provokant gestaltet war, um Aggressionspotenzial zu messen. Das Ergebnis war bemerkenswert: Bei Männern reduzierte HEX das aggressive Verhalten messbar. Bei Frauen steigerte es die Aggressionbereitschaft.
Die begleitenden fMRI-Aufnahmen zeigten, dass HEX in beiden Geschlechtern den linken Angulus, ein Hirnareal für soziale Wahrnehmung, aktivierte – aber die nachgelagerten Reaktionen verliefen geschlechtsspezifisch. Die Autoren spekulieren, dass HEX evolutionär als Signal von Säuglingen fungiert haben könnte: Väter (Männer) würden durch das Molekül besänftigt, Mütter (Frauen) in einen erhöhten Beschützungsreflex versetzt.
HEX gilt heute als einer der besten bisherigen Kandidaten für ein echtes menschliches Pheromon – auch wenn größere Replikationsstudien noch ausstehen.
Studie: Mishor E, et al. Sniffing the human body volatile hexadecanal blocks aggression in men but triggers aggression in women. Science Advances. 2021;7(47):eabg1530. → https://doi.org/10.1126/sciadv.abg1530
Was Körpergeruch über uns verrät
Jenseits der Pheromon-Debatte ist eine Tatsache wissenschaftlich gut belegt: Unser individueller Körpergeruch ist eine Art biochemischer Fingerabdruck. Er wird geformt durch Genetik, Ernährung, Gesundheitszustand, Hormonspiegel und die einzigartige Zusammensetzung unserer Hautmikrobiota – jene Billionen von Bakterien, die auf unserer Haut leben und Duftverbindungen produzieren.
Mehrere Studien zeigen, dass Menschen in der Lage sind, aus dem Körpergeruch einer anderen Person unbewusst Rückschlüsse auf Gesundheitszustand, genetische Kompatibilität und sogar emotionale Zustände zu ziehen. Probanden konnten Angst-Schweiß von Normal-Schweiß unterscheiden, ohne es benennen zu können – ihr Verhalten änderte sich trotzdem.
Das berührt eine tiefe Wahrheit: Viel von dem, was wir als "Bauchgefühl" oder "Chemie" zwischen zwei Menschen beschreiben, dürfte subliminal verarbeitet werden – unterhalb der Bewusstseinsschwelle, aber nicht ohne Wirkung.
Die Grenze zwischen Wissenschaft und Spekulation
Ich muss an dieser Stelle ehrlich sein: Die Pheromon-Forschung beim Menschen steckt noch in den Kinderschuhen, und viele populäre Behauptungen übertreffen den wissenschaftlichen Erkenntnisstand erheblich. Die methodischen Herausforderungen sind groß: Studien arbeiten oft mit zu kleinen Stichproben, testen Substanzen in unrealistisch hohen Dosen, kontrollieren unzureichend für individuelle Unterschiede und lassen sich selten replizieren.
Kein einziges Molekül ist bislang wissenschaftlich zweifelsfrei als menschliches Pheromon anerkannt. Was wir haben, sind vielversprechende Kandidaten, faszinierende Korrelationen und ein wachsendes Verständnis dafür, dass chemische Signale unser Sozialverhalten mitformen.
Das ist bedeutsam genug.
Duft als Interface zwischen Biologie und Bewusstsein
Was mich an diesem Forschungsfeld so fesselt, ist nicht die Frage, ob es das eine "Sexualpheromon" gibt. Es ist die tiefere Einsicht, dass unser Gehirn ständig Informationen verarbeitet, die wir nicht bewusst wahrnehmen. Der Geruch eines Menschen übermittelt uns etwas über seine Genetik, seine Gesundheit, seinen emotionalen Zustand – und wir reagieren darauf.
Wenn meine Freundin sagt, sie könne ihren Partner „gut riechen", formuliert sie damit, ohne es zu wissen, einen der ältesten biologischen Kompatibilitätschecks der Evolution.
Was bedeutet das für Düfte und Pheromon-Parfüms?
Hier ist meine differenzierte Einschätzung: Ein Parfüm kann kein persönliches MHC-Profil simulieren. Es gibt kein Fläschchen, das aus einem unpassenden Partner einen passenden macht.
Was ein gut entwickeltes Pheromon-Parfüm jedoch kann, ist subtiler und vielleicht genauso interessant. Synthetisch hergestellte Verbindungen wie Androstadienon-Derivate oder andere bioaktive Duftstoffe können nachweislich Stimmung, Wahrnehmung und das Gefühl von Wärme und Aufgeschlossenheit beeinflussen. Sie ergänzen, sie verstärken – und in Kombination mit dem eigenen Körpergeruch können sie eine Duftkomposition erzeugen, die etwas auslöst.
Ob das "Pheromon-Wirkung" im streng wissenschaftlichen Sinn ist, bleibt Gegenstand der Forschung. Dass Duft auf Begehren, Stimmung und Annäherungsverhalten wirkt, ist nicht mehr strittig.

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Sam
Quellen & weiterführende Studien:
- Wedekind C et al. (1995): https://doi.org/10.1098/rspb.1995.0087
- Savic I et al. (2001): https://doi.org/10.1016/s0896-6273(01)00390-7
- Mishor E et al. / Science Advances (2021): https://doi.org/10.1126/sciadv.abg1530
- Übersicht zu AND/EST-Forschung (ResearchGate): https://www.researchgate.net/publication/224842672
- Spektrum der Wissenschaft – Pheromone & Orientierung: https://www.spektrum.de/news/sexuelle-orientierung-beeinflusst-die-vorliebe-fuer-menschlichen-duft/779120