Zufriedenes Sexleben trotz Orgasmuslücke? Warum Frauen mehr erwarten dürfen

Zufriedenes Sexleben trotz Orgasmuslücke? Warum Frauen mehr erwarten dürfen

Neulich bin ich mit Mann und Kindern auf die Zugspitze gefahren. Wir haben die Gondel genommen, die für die knapp 3000 Meter nur 10 Minuten braucht “Die Seilbahn der Superlative”, wie sie von findigen Tourismusmarketing Leuten genannt wird.

Jetzt muss ich erwähnen, dass ich wahnsinnige Höhenangst habe, mich aber für meinen Sohn in diese schwebende Todesfalle gewagt habe. Mein Mann hingegen hat kein Problem mit der Höhe und war völlig gebrainwashed von den ganzen Promo Videos vom Bau der Gondel.

Wir hatten also sehr verschiedene Erwartungen an diese Gondelfahrt: ich habe einfach nur gehofft, dass wir lebend oben ankommen, idealerweise ohne in eine Angststarre zu verfallen, weil ich keinen Zugriff auf geeignete Psychopharmaka hatte. Mein Mann hingegen wollte die Aussicht genießen, den “Komfort” (entschuldige liebe Bayerische Zugspitzbahn Bergbahn AG, aber ich kann es nicht ohne Anführungszeichen schreiben) und das ingenieurtechnische Wunder, das diese Seilbahn ist. Die/der aufmerksame Leser*in merkt jetzt schon, dass meine Erwartungen deutlich einfacher zu erfüllen waren, weil sie sehr niedrig gesteckt waren. Ich kann die Gondel also wärmstens empfehlen.

Direkt mit unseren Erwartungen ist nämlich auch unsere Zufriedenheit verknüpft. Es ist die Frage danach, welche Punkte wir für uns abhaken können müssen, um von einem gelungenen Erlebnis zu sprechen. Wir werden so oft zu unserer Zufriedenheit befragt, dass wir uns oft gar nicht mehr bewusst machen, anhand welcher Erwartungen oder Kriterien wir Dinge bewerten: unser Essen im Restaurant, die Unterkunft, das Buch, das Shoppingerlebnis. Wir bewerten ständig und alle wollen immer, dass wir möglichst zufrieden sind. Aber was ist mit unserem Sexleben? Wie zufrieden sind wir damit? Und was hat das alles mit unseren Erwartungen zu tun?

Wie zufrieden sind wir mit unserem Sexleben?

Die Frage, wie zufrieden wir mit unserem Sexleben sind, ist nicht nur für uns persönlich wichtig, sondern auch für andere. In der Forschung zum Beispiel, spielt es eine Rolle, da die sexuelle Zufriedenheit auch immer wichtiger für Indikatoren, wie z.B. der Lebensqualität wird. Auch in der Medizin kann die Frage eine Rolle spielen, wenn man zum Beispiel eine Operation oder Behandlung wegen einer sexuellen Funktionsstörung hatte. Hier ist die Frage wichtig, um den Erfolg der Operation und den Fortschritt der Genesung zu ermitteln.

Eine kurze Internetrecherche offenbart den Sexreport 2022 der Deutschen. Das ist nun zwar keine wissenschaftliche Studie, zeigt aber bereits bekannte Ergebnisse: “der Großteil zeigte sich zufrieden (Schulnote 2; Frauen: 24,34 Prozent; Männer: 25,57 Prozent), gefolgt von befriedigend (Frauen: 19,95 Prozent; Männer 23,33 Prozent)”. Damit sind knapp die Hälfte der Frauen* und Männer* einigermaßen zufrieden mit ihrem Sexleben und Männer* sind etwas zufriedener als Frauen*. Weiterhin zeigt der Report: “ein Fünftel der Befragten (Frauen: 19,88 Prozent; Männer: 18,29 Prozent) sind mit ihrem aktuellen Sexleben unzufrieden”. Es besteht also durchaus Verbesserungspotential in deutschen Schlafzimmern. 

Was mich aber wirklich überrascht hat, waren die geringen Unterschiede zwischen Männern* und Frauen*. Immerhin kommen Frauen* ein Drittel weniger häufig zum Orgasmus - der sogenannte “Orgasm Gap”, die Orgasmuslücke. In Zahlen ausgedrückt, kommen 95% der Männer* immer oder häufig beim Sex zum Orgasmus und nur 65% der Frauen*. Nun ist ein Orgasmus sicherlich nicht das Alleinstellungsmerkmal für zufriedenstellenden Sex, aber seien wir doch mal ehrlich Ladies*, wir kaufen uns doch Vibratoren, um zum Orgasmus zu kommen und hören nicht einfach auf, wenn es so wirkt, als ob er seinen Spaß gehabt hätte. Wieso also geben wir uns beim Sex mit Partner* mit weniger zufrieden?

Interessanterweise tun wir das nur, wenn wir mit Männern* Sex haben, bei gleichgeschlechtlichem Sex verschwindet der Orgasm Gap. Boom! Mic drop! Hier mache ich eine dramatische Pause, damit ihr diese Information verarbeiten könnt. Denn das würde ja bedeuten, der Mythos, wonach Frauen* halt einfach schwerer zum Orgasmus kommen und mann es deshalb gar nicht erst versuchen muss, oder nur ein halbherziges Vorspiel absolvieren muss, gar nicht wahr ist. Wie kommen also die oben aufgeführten Zahlen zustande. Oder anders ausgedrückt:

Was heißt eigentlich zufrieden?

Wie man am Beispiel mit meiner Gondelfahrt sieht, ist die Zufriedenheit immer auch mit der Frage verbunden: “Was hast du erwartet?”. Und diese Frage ist für unsere sexuelle Zufriedenheit deshalb so wichtig, weil mit ihr ermittelt wird, welche Erwartungen eine Person an ihr Sexleben hat und damit auch, was sie glaubt zu verdienen.

Und diese Erwartungen tauchen nicht einfach eines Tages auf, wie ein unliebsamer Pickel mitten auf der Nase, sondern sie entwickeln sich von klein auf und sind stark davon beeinflusst, was uns zu den Themen Sex und Sexualität kommuniziert wird und was wir erleben.

Damit werden die Erwartungen auch ein Stück weit gesellschaftlich und politisch. Wir internalisieren Glaubenssätze und Erwartungen der Gesellschaft an uns. Diese können schädlich sein, wie der Mythos, dass es bei Frauen* normal ist, dass der erste penetrative Geschlechtsverkehr weh tut. Deshalb sollte es jetzt auch nicht überraschend kommen, dass sich in Bezug auf die Erwartungen deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern zeigen.

Und genau zu dieser Annahme eben, dass unsere Erwartungen auch in unserem Intimleben gesellschaftlich beeinflusst werden, wurde das wunderbare Konzept der “intimate justice” (wörtlich übersetzt: intime Gerechtigkeit) entwickelt.

Sara McClelland von der Universität Michigan wollte den Fokus darauf legen, wie politische und soziale Ungerechtigkeiten sich in unserem Sexleben niederschlagen. Auch wie sich Individuen aufgrund derer verhalten, was sie für Vorstellungen von ihrem Sexleben haben und wie sie es bewerten. Gerechtigkeit deswegen, weil es auch darum geht, wer dazu berechtigt ist bestimmte sexuelle Erlebnisse zu haben und auch wer berechtigt ist, sie zu genießen oder Spaß daran zu haben. Wie Peggy Orenstein in ihrem genialen Ted Talk feststellt fühlen sich junge Frauen* zum Beipiel berechtigt Sex zu haben, aber nicht notwendigerweise ihn zu genießen.

Wenn wir uns nun die Datenlage rund um Erwartungen an Sex anschauen, eröffnet sich uns folgendes Bild: die Erwartungen von Mädchen*/Frauen* sind deutlich niedriger gesteckt, als die von Jungs*/Männern*. Das betrifft auch negative Erwartungen an Sex, z.B. die Definition, was ein weniger zufriedenstellendes sexuelles Erlebnis ist. Hier berichteten junge Männer* von weniger attraktiven sexuellen Partner*innen, Gefühle der Einsamkeit oder zu wenig sexuelle Stimulation. Junge Frauen* hingegen benutzten Worte wie “traurig”, “deprimierend”, “Schmerz” und “herabwürdigend”. Dies zeigt auch, dass junge Frauen* im schlechtesten Fall mit schmerzhaften und/oder negative Konsequenzen für sich rechneten, was jungen Männern* nicht einmal in den Sinn kam. Dass Sex schmerzhaft für Frauen* sein kann, kommt vermutlich öfter vor als gedacht, eine britische Studie zeigt, dass 1 von 13 Frauen* betroffen ist.

Junge Frauen* nutzen außerdem die Zufriedenheit ihre*r Partner*in als Maß für die eigene Zufriedenheit, während junge Männer* ihren eigenen Orgasmus dafür heranziehen. All das fügt sich zu einem Bild zusammen in dem junge Frauen* als Kriterien für ihre Zufriedenheit, das Ausbleiben von Schmerz, den Wunsch sich ihrem Partner nahe zu fühlen und seinen Orgasmus definieren. Das sind in etwa so hoch gesteckte Erwartungen, wie ich bei der Gondelfahrt hatte. Aber sollten wir uns für unsere eigene sexuelle Erfüllung nicht mehr wünschen, nicht mehr erwarten können? Tatsächlich zeigen Studien nämlich auch, dass Frauen* mehr Spaß an Sex haben, wenn sie diesen auch selbsbestimmter ausüben. Was hält uns also auf?

Die Scham des weiblichen* Geschlechts

Auch das weibliche* Geschlecht und unser Verhältnis vor allem als Frauen* dazu spielen eine Rolle, welche Erwartungen wir an unser Sexualleben haben. Erstmal zu den wissenschaftlichen Fakten: die Forscherin Debra Herbenick stellte fest, dass das Female Genital Self-Image, also das weibliche genitale Selbstbild (und ja, hierfür wurde ein Fragebogen entwickelt, Wissenschaftler*innen sind einfach drollig), im Zusammenhang mit der Female Sexual Function, also der weiblichen Sexualfunktion (hierzu gehören sexuelles Verlangen, sexuelle Erregung und Orgasmen), sexuellem Verhalten von Frauen und der Selbstpflege ihrer Genitalien stand. Also im Klartext, je besser die Einstellung zu den eigenen Genitalien bei Frauen* ist, desto positiver wirkt sich das auf ihr Sexleben und ihre Sexualität aus.

Das dieses Verhältnis von Frauen* zu ihren Genitalien bereits seit längerem gestört ist und gut von einer Therapie profitieren könnte, ist bekannt, aber sicherlich vielen Frauen* gar nicht bewusst. An dieser Stelle kann ich das eindrucksvolle Theaterstück “The Vagina Monologues” oder “Die Vagina-Monologe” von Eve Ensler empfehlen. Sie hat dafür über 200 Frauen zu ihrer Vagina befragt und dabei die ernüchternde Feststellung gemacht, dass Frauen* im besten Fall eine höfliche Distanz zu ihrer Vagina wahren, im schlimmsten Fall Scham oder Ekel empfinden oder so tun als gäbe es sie nicht. Dies ist mit ein Grund, warum Oralverkehr oft einseitig ist und Frauen* diesen aus Scham über ihr eigenes Geschlecht ablehnen

Eve Ensler wie auch Peggy Orenstein machen auch das Schweigen um das weibliche Geschlecht mitverantwortlich. Das fängt im Kindesalter an, wo der Teil zwischen Bauchnabel und Knien einfach übersprungen oder nur “da unten” genannt wird oder verstörende Kosenamen, Verniedlichungen oder sonstiges bekommt. Ich empfehle hier eine kurze Forschungsexpedition in den Kindergarten, um ausreichend Beweise zu sammeln. 

Und das setzt sich im Sexualkundeunterricht in der Schule fort, wo selten von einer Vulva oder der Klitoris gesprochen wird. Wer sich zurückbesinnt, stellt fest, dass alles was man lernt ist: “dass Jungs* Penisse und Erektionen haben und Mädchen* Perioden und ungewollte Schwangerschaften” (Peggy Orenstein). Über etwas nicht zu reden und es nicht zu benennen ist der beste Weg es aus der allgemeinen Wahrnehmung aus zu radieren (siehe auch unseren Artikel zur Klitoris)

Und so wissen Mädchen* und junge Frauen* kaum über ihren eigenen Körper Bescheid. Was vielleicht auch erklärt, warum weniger als die Hälfte der 14-17jährigen Mädchen* überhaupt jemals masturbiert haben. Und dann sollen sie bei einem Partner auf einmal wissen was sie wollen? Was sie nicht wollen? Was sie gut finden? Und was ihnen Freude bereitet? Das ist leider wenig realistisch. Wer sich übrigens über seine eigene Vulva auch bisher wenig Gedanken gemacht hat, der/dem empfehle ich einen Blick in den Spiegel, fürs erste Kennenlernen. Vielleicht wird es ja deine neue BFF.

Aber vielleicht ist es ja letztlich einfach eine Lord-Voldemort-Situation und die Vulva ist “die-dessen-Name-nicht-genannt-werden-darf” und zwar nicht aus Scham, sondern aus Angst vor ihrer Macht. Hierfür gibt es zumindest genügend kulturgeschichtliche Belege. Und wenn wir mal darüber nachdenken, ist vielleicht wirklich nichts angsteinflößender als sexuell selbstbestimmte Frauen*, die wissen was sie wollen und sich nicht mit weniger zufrieden geben. Lasst es uns also zusammen sagen und immer lauter werden: “Viva la Vulva!”. Und wer gleich etwas gegen den Orgasm Gap und für sich selbst tun will, der/die klickt einfach hier.