Porno unter der Bettdecke

Turn me on! Pornos gucken Pros und Contras

Pornos: das sind die filmischen Darstellungen expliziter sexueller Inhalte mit dem Ziel der sexuellen Erregung de*r Konsument*in.

Wer jetzt denkt: “Schnarch! Wir wissen alle, was Pornos sind!” Die/den bitte ich um Nachsicht, aber ich habe gelernt, wenn ein Thema so aufgeladen ist, hilft es manchmal sich auf die Basics zurück zu besinnen, also um das worum es primär geht. 

Deshalb habe ich die letzten Tage dazu recherchiert und dadurch auch viel gesehen. Bei einigem davon wünschte ich, dass ich das Blitzdings aus Men in Black hätte, um es aus meinem Gedächtnis zu löschen. Aber ähnlich wie bei einem Unfall, ist es eben manchmal unmöglich weg zu sehen oder zu klicken, denn tief in unserem Inneren, sind wir eben alle irgendwie Voyeurist*innen. Ich habe aber auch viel gelernt, woran ich euch hier gerne teilhaben lassen möchte. 

Hand aufs Herz (nicht in die Hose, ihr Ferkel;)!) - wer von euch hat schon mal Pornos geguckt oder konsumiert diese regelmäßig? Vermutlich die meisten. Wie ihr dann sicherlich wisst, zeichnen sie sich dadurch aus, dass sie nicht all zu viel Handlung haben oder Dialoge, denn es soll ja zur Sache gehen. Und es werden Fantasien abgebildet und das ist etwas, woran wir uns erinnern sollten. Es soll kein realer Sex abgebildet werden, sondern Fantasien und Wünsche inszeniert werden. 

Das hört sich erst einmal gar nicht schlecht an, wenn man “sex positive” ist, also wenn im Sexleben erlaubt ist, was gefällt und womit alle einverstanden sind. Und damit wären Pornos nur negativ behaftet aufgrund von einer verklemmten, puritanischen Gesellschaft und es braucht nur die sexuelle Befreiung, aber ganz so einfach ist es dann eben doch nicht.

Was spricht dagegen Pornos zu gucken?

In Pornos werden Fantasien abgebildet, aber die Frage ist doch wessen? Und die Antwort ist leider: oft nur die von Männern*. Aber das geht noch genauer, nämlich von heterosexuellen, weißen Männern*. Zugegebenermaßen sind Männer* auch die häufigsten Konsumenten, aber das ist wieder so eine Henne/Ei-Geschichte: bilden Pornos die Fantasien von Männern* ab, weil sie die häufigsten Konsumenten sind? Oder konsumieren mehr Männer* Pornos, weil ihre Fantasien in ihnen abgebildet werden? Die Antwort ist, wie immer, vielschichtig.


Repräsentation von Frauen in Pornos

Pornos sind ein wunderbarer Spiegel unserer Gesellschaft, denn wir sind so fantasielos, dass wir auch die Machtverhältnisse in ihnen abbilden, wie wir sie im realen Leben vorfinden. Unsere Fantasie kennt also wohl doch Grenzen. Und hier wird es dann oft problematisch, denn Frauen* werden in Pornos meist als willenlose aber willige Sexobjekte portraitiert. Und weil sie eben nur Objekte zur Befriedigung männlicher Lust sind, sind ihre Wünsche und ihre Lust nicht ausschlaggebend.

Als ob das nicht genug wäre, wird auch Gewalt an ihnen ausgeübt und sie werden oft erniedrigt und gedemütigt. Und das erklärt wohl auch, warum Frauen* nicht so viele Pornos gucken wie Männer*. Denn es ist nun mal nicht besonders erregend für eine Frau*, wenn die Frau* im Porno beschimpft und erniedrigt wird, ich weiß, Frauen* sind eigenartig… Aber wieso finden eigentlich so viele Männer* Gefallen daran? Und geht es nicht auch ohne? Ein wunderbar introspektiver Artikel von einem Mann, der dieses Dilemma anhand seiner eingenen Biografie beschreibt, gibt es hier.

Die Objektivierung gilt übrigens nicht nur Frauen*, sondern auch anderen Menschen, die meist nur als Fetisch in Pornos vorkommen. Ethnien, Körpertypen, Gender, Sexualitäten werden zu einer Kategorie: “Asian”, “Black”, “Latina”, “Transsexuell”, “BDSM”. Wo also Repräsentation wichtig wäre, findet nur Fetischisierung statt. Auch sie spielen nur eine passive Rolle und werden den Fetischen und Fantasien unterworfen.

Pornos als Sexualerziehung

Noch problematischer wird es, wenn Pornos als Sexualerziehung verstanden werden und in der Realität umgesetzt werden, vor allem für Frauen*. Denn dann werden diese frauen*feindlichen Szenarien an und mit realen Frauen* ausgeübt, meist ohne ihr Einverständnis. Und Frauen* (vor allem junge Frauen*) denken, dass sie diese Dienste auch leisten und gut finden müssten. Das ist einer der größten Kritikpunkte, zum Beispiel eben auch von Menschen, die Pornos komplett abschaffen möchten

Von Erfahrungen mit Männern* die diese spezielle Form von Sexualerziehung genossen haben, berichtet Cindy Gallop in ihrem amüsanten Ted Talk und ruft dazu auf: “Make love not porn.” Und viele sind bereits ihrem Aufruf gefolgt. Die realen Filme die dort hochgeladen werden, sollen im Kontrast zur Inszenierung in Pornos stehen und die sexuelle Vielfalt feiern. 

Aber warum waren und sind Pornos eigentlich Teil der Sexualerziehung? Wieso lernen wir aus Pornos, wie Sex funktioniert, was man alles tun kann? Dass das problematisch ist, ist klar, aber liegt da das Problem bei den Pornos? Eigentlich nicht, denn kein Porno erhebt den Anspruch Sexualerziehung zu leisten (hier verweise ich gerne wieder auf unsere Definition am Anfang). Pornos füllen eher ein Vakuum bei Jugendlichen, für das eigentlich wir - die Erwachsenen, die Eltern, Erziehungsberechtigten, Lehrer*innen - verantwortlich sind. Nur nehmen wir diese Verantwortung nicht voll wahr. Es ist aber an uns, mit unseren Kindern über Sex, Einvernehmen, Grenzen, Gewalt und auch Lust zu sprechen. Diese Verantwortung liegt bei uns und wir können sie nicht an Pornos abtreten und uns dann darüber beschweren, dass Jugendliche ihre Wissenslücken füllen, ihre Fragen beantworten und dabei nicht das lernen, was wir gerne hätten. 

Der Pornokonsum beginnt bereits früh: ungefähr die Hälfte der 11-16-jährigen haben mindestens einmal Online-Pornografie gesehen, die meisten davon vor 14. Sie müssen dafür gar nicht aktiv nach Pornos suchen, sondern bekommen Pop-up-Werbung, wenn sie nach Beziehungen, medizinischen Informationen oder nach Themen rund um sexuelle Gesundheit suchen. Männliche* Jugendliche erleben das Gesehene meist deutlich positiver als weibliche* Jugendliche, die meist negative Gefühle, wie Schock angeben. Negative Gefühle nehmen aber ab, je öfter Pornos geguckt werden.

Wie Pornos sich genau auf Jugendliche auswirken, bzw. wie sie unsere Sexualität prägen und geprägt haben ist, trotz vieler Studien, nicht ganz geklärt. Das liegt an der Komplexität der Zusammenhänge. Einige negative Effekte sind jedoch erwiesen: sie führen zu Erwartungen (was Männer* mögen müssen und Frauen* zu mögen haben), die zu Ängsten, vor allem bei jungen Frauen* führen können. Werden diese Erwartungen im realen Leben enttäuscht, ist also die Lücke zwischen dem im Porno Gesehenen und das im wahren Leben Erlebten zu groß, kann es zu sexueller Frustration kommen.

Verhütung z.B. durch Kondome oder Einwilligung - consent - werden in Pornos nicht dargestellt. Gleichzeitig beeinflusst das Gucken von Pornos aber die Bandbreite an sexueller Praktiken, vor allem solche die vermehrt dargestellt werden: Ejakulation ins Gesicht der Partner*in, Analsex oder deepthroating beim Oralsex. Dies führt dazu, dass sie oft ohne Einvernehmen auch im realen Leben durchgeführt werden.

Pornosucht ist eine weitere Gefahr, die mit Pornkonsum einhergehen kann, in dem Fall werden Pornos auch dazu verwendet mit negativen Gefühlen oder Phasen im Leben umzugehen.

Außerdem beeinflussen Pornos das Körperbild von Jugendlichen negativ, denn viele können wahrscheinlich nicht mit den vollbusigen Frauen* oder den permanent erigierten Männern* mithalten.

Vor allem beeinflussen Pornos aber auch Genderstereotype. Männer* haben eine aktive Sexualität, können sich nicht kontrollieren, üben eine dominante Rolle aus und schauen halt Pornos, ist doch normal! Frauen* hingegen sind passiv, weil sie anscheinend keine eigene Sexualität haben, sagen “nein”, wenn sie eigentlich “ja” meinen und sind Objekte der Begierde, die mit Männern* spielen. Und hier wird es gefährlich: denn diese Genderstereotype verfestigen sich vor allem bei jungen Männern* und führen auch dazu, dass Gewalt gegen Frauen* normalisiert wird und dadurch auch akzeptiert. Aber es trägt auch aktiv zu Gewalt an Frauen* bei: Pornokonsum ist bei männlichen* Studenten mit sexueller Belästigung und sexueller Nötigung assoziiert. Und Männer* die hardcore Pornos gucken haben auch eine höhere Wahrscheinlichkeit sexuell gewaltätig zu sein. Eine Verbindung zwischen Pornokonsum und sexueller Gewalt gegenüber Frauen* gibt es also durchaus und ist kein Mythos überbesorgter Eltern. 

Die Pornoindustrie und ihre Darsteller*innen

Die Pornoindustrie ist, mit Umsätzen in Milliardenhöhe, ein sehr lukratives Geschäft. Leider bedeutet dies aber nicht, dass die Darsteller*innen fair bezahlt werden. Auch nicht, dass die Arbeitsbedingungen gut sind. Das beinhaltet auch Dinge ablehnen zu können, die man nicht machen möchte, regelmäßige Pausen, Einvernehmen, was die Drehpartner*innen oder das Skript angeht, Sex ohne Kondom, dafür mit Geschlechtskrankheiten. Zudem geben viele Pornodarsteller*innen an, dass nach immer extremeren Darstellungen verlangt wird und was die Kund*innen wünschen, wird geliefert.

Bei professionellen Pornodarsteller*innen sind die Bedingungen noch vergleichsweise “besser” als bei Amateurdarsteller*innen, wie die empfehlenswerte, aber deprimierende Netflix-Doku “Hot Girls Wanted” zeigt. Aber als Sex Arbeiter*in hat man generell einen prekären Status, auch rechtlich gesehen.

Hinzu kommt das soziale Stigma, sehr gut daran zu sehen, wie mit Missbauchsfällen in der Pornoindustrie umgegangen wird. Selbst das ist aber noch der beste Fall, denn viele Videos bei kostenlosen Anbietern, wie zum Beispiel Pornhub, werden gänzlich gegen den Willen der Darsteller*innen gedreht und/oder hochgeladen. Auch scheint es nicht wichtig zu sein, dass es sich teilweise um Minderjährige oder Opfer von Menschenhandel handelt. Kontrolliert wird das kaum, weder von den Websites, noch achten die Kund*innen darauf.


Was spricht dafür Pornos zu gucken?

Pornos sind, wie wir schon gesehen haben, eine Informationsquelle und damit oft Teil unserer Sexualerziehung. Das kann auch Vorteile haben: wir sehen sexuelle Praktiken, die wir vielleicht vorher nicht gekannt haben, aber vielleicht gerne ausprobieren möchten, z.B. Bondage oder Anal (dazu liefern wir auf die nötige Ausrüstung, einfach auf die Links klicken).

LQBTQ+-Jugendliche finden sich oft auch und eben auch leider oft das erste Mal wieder. Der Sexualkundeunterricht in der Schule liefert für sie ja nun oft keine Informationen. Und dieses Potential der Repräsentation, des sich Wiederfindens und sich als sexuelles Wesen oder Subjekt der Begierde entdecken ist durchaus vorhanden und positiv. Das Problem ist die Dominanz der heterosexuellen, männlichen, weißen Perspektive in Mainstream Pornos.

Die Pornoindustrie hat Frauen* aber mittlerweile als Markt entdeckt, denn sie haben heute mehr finanzielle Mittel, die sie auch gerne in ihre sexuelle Lust investieren. Dadurch gibt es auch mehr Seiten, die sich speziell an Frauen* richten und wo von Frauen*, für Frauen* mit Frauen* produziert wird. Dabei sollen speziell weibliche* Fantasien umgesetzt werden. Beispiele hierfür sind die Filme von Erika Lust. Sie macht seit 2005 erotische Indie Filme, bei denen die weibliche Lust im Vordergrund steht und die ethische Produktion. Das Portal Bellesa ist von Frauen* produziert und betont vor allem, die Realitätsnähe mit ihrem Motto “no fake orgasms” und ist sich seiner sozialen Verantwortung bewusst. Die Plattform Cheex produziert Filme und Podcasts und gibt auch Workshops. Bei der Plattform Lustery reichen "echte" Paare ihre Videos ein - hier ist Consent und Authentizität Programm. Ziel ist es auch alle Geschlechter anzusprechen und die Inhalte fair und einvernehmlich zu produzieren. So entstehen nicht nur Pornos, die auch für Frauen* ansprechend sind, sondern auch sogenannte “ethische Pornos” und das kostet natürlich.

Leider ist es bei ethischen Pornos aber oft wie bei Biofleisch: jeder weiß, dass es besser ist, aber nicht alle sind bereit dafür zu zahlen. Damit wird der Pornokonsum eben auch politisch, denn es macht durchaus einen Unterschied, wofür wir uns entscheiden.

Zu guter Letzt könnte man es so zusammenfassen: es gibt genug gute Gründe, die dagegen sprechen mainstream Pornos zu gucken. Wer aber nicht gänzlich auf Pornos verzichten möchte, kann zu ethischen Pornos greifen. Offen bleiben die Fragen, warum Gewalt an Frauen* so zentral für die männliche* Lust zu sein scheint und warum wir es in unserer sexualisierten Gesellschaft nicht schaffen, unsere Jugendlichen ordentlich aufzuklären und diese Aufgabe Pornos überlassen.

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