Erotische Fantasien: Warum wir Gewaltfantasien heiß finden

Erotische Fantasien: Warum wir Gewaltfantasien heiß finden

Verbotener Sex, Gewalt oder sogar Vergewaltigungen: Erotische Fantasien können sinnlich sein, aber auch extrem. Sexualpädagogin Anna Dillinger erklärt, warum wir Gewaltfantasien heiß finden.

Erotische Fantasien: Grenzüberschreitende Szenarien im Kopf

Das Gehirn ist unser größtes Sexualorgan hört man immer wieder – stimmt das? Oh ja, die Milliarden an Nervenzellen verschalten zum Beispiel, was wir wie als erregend erleben und für erotische Fantasien ist ebenfalls der Kopf verantwortlich. Und die können mal ganz bewusst angesteuert werden – oder aber auch einfach auftauchen. Während die einen hier zustimmend nicken, und wahrscheinlich ganz genau wissen, welche Sex-Fantasie sie im Moment total anmacht, gibt es genauso auch Menschen, die bei der Selbstbefriedigung oder beim Sex selten bis gar nicht darauf zurückgreifen, sich etwas erregendes vorzustellen.

Denn zur Lust und in die Erregung kann man mit oder ohne Fantasien kommen und das eine ist nicht besser als das Andere – für viele funktioniert es aber ausgesprochen gut, das eigene Sex-Kopf-Kino anzuschalten: Sei es, um erst mal in Fahrt zu kommen, während dem Sex, oder auch nur kurz vorm Orgasmus, für den letzten Kick, um zu kommen.

Lust beginnt also nicht zwischen den Beinen, sondern zwischen den Ohren. Deshalb dreht sich heute alles um deine erotischen Fantasien. 

Erotische Fantasien können zärtlich, sinnlich, aufregend, heftig oder auch richtig extrem sein. Viele von uns finden besonders grenzüberschreitende Szenarien heiß, zum Beispiel Orgien, Vergewaltigungen, verbotenen Sex oder BDSM. Das ist kein Grund zur Scham, sondern völlig in Ordnung.

Deshalb lernst du heute, wie du deine Fantasien verstehen und annehmen kannst.

Sexuelle Fantasien

Zum Glück sind Fantasien ja Privatsache, und um hier direkt mal eine Angst zu entkräftigen: Fantasien können manchmal ganz schön heftig oder extrem sein, und das hat NICHT zwangsläufig etwas damit zu tun, was man sich in der Realität wünscht oder wie man sexuell „gepolt“ ist.

Manchmal kann man eine Vorstellung ganz klar als „das wäre doch mal reizvoll umzusetzen...“ identifizieren, ganz häufig aber ist völlig klar, dass das Ganze bitte fiktiv bleiben soll. Ich höre oft von Klient*innen, dass sie gar nicht verstehen, warum sie ,,so arge“ Fantasien so erregend finden. Oft geht es da um Vergewaltigungs- oder BDSM-Fantasien, Orgien, „verbotenen“ Sex – meistens grenzüberschreitende Szenarien.

Meistens kann man gut unterscheiden, um welche Art der Fantasie sich das jetzt handelt: Eine, die raus darf und soll – oder eine, die einfach im Kopf bleiben kann und dort prima funktioniert. Unangenehm kann es werden, wenn man sich selbst so wenig mit der sexuellen Vorstellungen identifizieren kann oder sie gar moralisch verwerflich findet – dann kann man mit sich selbst in einen Konflikt kommen, denn „so bin ich doch gar nicht,warum werde ich dann davon geil“? Auch wenn immer gilt „Die Gedanken sind frei“ habe ich im Laufe meiner Arbeit gemerkt, dass es manchmal nicht reicht, jemandem im Gespräch zu vermitteln, dass sie sich keine Sorgen machen müssen und alle sexuellen Fantasien in Ordnung sind. Wer es dennoch noch mal hören will: Ja! Genau so ist es meiner Meinung nach. Eigene Bilder, die individuell mit Erregung verknüpft sind und sich im persönlichen Kopf-Kino abspielen dürfen erst mal alles, eine Grenze nach Außen wird nicht verletzt.

Einen Unterschied macht es meist auch, ob es viele verschiedene sexuelle Fantasien gibt, auf die zurückgegriffen werden kann – oder ob es eben nur „die eine“ gibt, die „immer sein muss.“ Das kann – ich sage bewusst „kann“, nicht „muss“ zu einem Problem werden.

Und deswegen verstehe ich, wenn es sich so anfühlt wie es mir eine Klientin mal schilderte, bei der sich im Kopf-Kino immer wieder ein Film abspielte, in dem viel Gewalt vorkam und der sie erregte: „Währenddessen ist es total geil, auch wenn es sich schon ein bisschen falsch anfühlt – aber danach bekomme ich ein schlechtes Gewissen und schäme mich dafür. Es ist fast so, als würde ich mir damit selbst ein Stück weit etwas antun.“ Sich so zu fühlen ist belastend und es braucht ein klein wenig mehr Hintergrundbeleuchtung, um richtig zu verstehen, warum Gewalt in sexuellen Fantasien für viele Menschen super funktioniert und sie sich nicht dafür verurteilen müssen – sondern sich selbst verstehen dürfen und eben auch, warum das so gut funktioniert.

Woher kommen grenzüberschreitende erotische Fantasien?

„Währenddessen ist es total geil, auch wenn es sich schon ein bisschen falsch anfühlt – aber danach bekomme ich ein schlechtes Gewissen und schäme mich dafür.”

“So bin ich doch eigentlich gar nicht, warum werden ich davon geil?” 

Wenn du diese Gedanken hast, träumst du vielleicht von sexuellen Fantasien, die eigentlich nicht deinen Vorstellungen entsprechen. Sich so zu fühlen, kann belastend sein. Woher kommen die ungewollten Fantasien? Die Antwort lautet: Sie sind das Ergebnis unserer Geschichte.

Jede von uns hat ihre eigenen sexuellen Ressourcen. Welche Kompetenzen hast du in deinem Liebesleben gelernt? Welche Spür-Erfahrungen hast du in deinem Leben gemacht? Davon hängt ab, ob deine sexuellen Ressourcen mehr oder weniger breit gefächert sind.

Das umfasst ganz unterschiedliche Bereiche, zum Beispiel: 

  • Wie du deinen Körper spürst und für Lust und Erregung einsetzen kannst
  • Dein Wissen über Sex
  • Dein eigenes Wertesystem
  • Die Fähigkeit in Beziehung zu treten oder zu verführen
  • Und viele weitere

Jede von uns verfügt über andere Ressourcen und aus diesem Grund hat auch jede von uns andere erotische Fantasien. 

Kommen wir zurück zu den grenzüberschreitenden Fantasien: Wer in seinen Fantasien Gewalt mag, braucht möglicherweise auf der körperlichen Seite viel Anspannung und Druck, um erregt zu werden und Lust zu spüren. Das kannst du zum Beispiel beobachten, wenn du dich selbst befriedigst. Ist dein Körper dabei sehr angespannt ist, die Beine durchgedrückt oder zusammengepresst, fester Druck auf der Klitoris, flacher Atem, wenig Bewegung? Für viele ist diese Anspannung ein sehr effektiver Weg zum Orgasmus

Schauen wir uns jetzt an, was eine Gewaltfantasie oder BDSM-Fantasie mit dem Körper macht, wird einiges klarer. Wie reagiert man in Erwartung auf einen Schlag? Der Körper spannt an. Wie viel Bewegungsfreiheit hat man im gefesselten Zustand? So gut wie keine, man spürt eher Druck von außen. Da macht es Klick: Das sind genau die Dinge, die jemand mit viel Anspannung auf der körperlichen Seite braucht, um erregt zu werden. Die Fantasie passt also zum Körpergefühl beim Sex und hat weniger mit konkreten Wünschen für die Realität zu tun.

Diese Erkenntnis kann beruhigend sein und schafft Selbstverständnis statt Scham. Das gibt einem auch die Möglichkeit, sich zu entscheiden: Passt das so für mich, oder will ich im Bereich meiner „Körper-Tools“ etwas erweitern? Denn das coole ist: Dort kann man gut ansetzen. Neue Fantasien kann man sich nicht „verordnen“, aber wenn es darum geht, wie wir unsere Körper beim Sex mit uns selbst und Anderen einsetzen, kann man – und ja, das braucht Übung – immer etwas dazulernen. Der erste Schritt dafür ist immer die Selbstbeobachtung.

Erotische Fantasien verraten viel über uns

Erotische Fantasien verraten also viel über uns – aber nicht immer das, wovon wir ausgehen. Sie zuzulassen, ihnen bewusst Raum zu geben und bei Bedarf über sie zu sprechen, lohnt sich. 

Jetzt bist du dran: Probiere es diese Woche einmal aus und schalte dein Kopfkino ein! Sei es, um in die richtige Stimmung zu kommen, während der Masturbation oder kurz vor dem Orgasmus für den letzten Kick. Alles was Lust macht, ist erlaubt!

Über die Autorin

Anna Dillinger ist in Wien als Sexualpädagogin tätig. Als klinische Sexologin nach Sexocorporel arbeitet sie mit Einzelpersonen und Paaren and sexuellen Frage- und Problemstellungen.

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